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Teilen
Zum Nachdenken
Teilen als Haltung
Viel wichtiger als die Frage, was ich habe, ist die Frage, wie ich es einsetze und wozu es dient. Dabei geht es nicht nur um den materiellen Bereich, sondern auch um Zeit, Wissen, Geld, Dinge, Freude und Leiden, Anteilnahme, Gebet, Kunst - jeder hat etwas Wertvolles zum Teilen anvertraut bekommen, dabei soll kein Gefälle zwischen Gebenden und Empfangenden entstehen.
Eine gesunde Haltung des Teilens führt zur Freiheit - vor Sorgen, Gewinnstreben, Absicherung. Ich will mit viel oder wenig leben kann können und dabei genügsam, dankbar und grosszügig sein.
Nicht festhalten und kontrollieren, sondern loslassen und vertrauen. Das kann in den verschiedenen Bereichen bedeuten: Meine Wohnung soll ein Lebensraum und Ort der Begegnung sein; mein Geld investiere ich, damit Neues und Gutes entstehen kann; meine Dinge teile ich; von meinem Wissen sollen andere profitieren; ich lasse den Traum der "ewigen Jugend", akzeptiere meine Einschränkungen und nutze die Erfahrung; ich bin offen für mir Fremdes; ich tue nicht alles selber sondern schaffe Einsatzmöglichkeiten für andere; ich bestimme nicht selber zu meinem Vorteil sondern schaffe faire Regeln.
Das Teilen geschieht nicht zum eigenen Vorteil. Ich spare mir kein "Konto" an, von dem ich wieder etwas abrufen kann. Es geht darum zu lernen, zu geben und zu empfangen - im Gegensatz zu kaufen und verkaufen. Es geht darum, miteinander zu teilen und zu vertrauen, dass ich am Ende nicht zu kurz komme.
Teilen als Berufung
Teilen ist ein Kernstück des christlichen Lebens; das zeigt sich im Leben von Jesus, in der ersten Gemeinde und in der Kirchengeschichte. Teilen stand öfters auch am Start eines Wunders. In der frühen Kirchengeschichte gab es die Diskussion, ob das "Alles gemeinsam haben" integraler Bestandteil des Christseins ist oder es "nur" um die Grosszügigkeit mit den von Gott uns anvertrauten Dingen geht. Besitz anzuhäufen und vor der Not des Mitmenschen die Augen zu verschliessen wird dagegen immer wieder angeprangert.
Brot und Trauben
Wir sollen nicht trennen zwischen Geistlichem und Weltlichem - die praktischen Dinge des täglichen Lebens, Kunst, Wissenschaft, Natur, Gottesdienst, Gebet gehören alle zusammen und geschehen zur Ehre Gottes. Es geht darum, Gott und den Menschen nahe sein zu wollen - in der ganze Fülle und in aller Beschränktheit.
Ich will mir die Frage stellen: Wozu dient mein Haus, mein Besitz, meine Zeit, mein Wissen? Wie kann ich sinnvoll einsetzen, was mir anvertraut ist? Was liegt einfach brach (und es gibt auch Zeiten, wo etwas brach liegen darf)?
Teilen als Notwendigkeit
Die Welt hat sich stark verändert: Globalisierung, Verfügbarkeit von Informationen auch aus weit entfernten Erdteilen, Versicherungen, (erkämpfte) Sozialsysteme, Hilfsorganisationen (institutionalisiertes Teilen).
In unserer Gesellschaft sind Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Flexibilität wichtig. Teilen passt nicht wirklich dazu - jemanden fragen, auf etwas warten; da geht es doch viel einfacher, im Laden oder sogar Internet etwas zu kaufen. Es scheint eine Zeit zu sein, in der das Teilen nicht mehr nötig ist. Jeder schaut grundsätzlich für sich, der Staat für die finanziell Schwachen und die Hilfswerke für die Notleidenden. Angesichts der Weltlage stellt sich aber ernsthaft die Frage, ob das wirklich genügt und ob es überhaupt lange noch so möglich ist.
Die Veränderungen fordern uns heraus, neue Ansätze zu finden. Was heisst Teilen heute? Wenn eine dringende Not aus Afrika in meinem Posteingang ist? Oder ich der Meinung bin, dass der Bettler auf der Strasse sein Sozialgeld nicht gut verwaltet? Wenn bei einem Unglück einfach die Versicherung bezahlt und doch gar niemand Unterstützung benötigt?
Grundsätzlich ist es wohl so, dass meine Verantwortung mit zunehmender "Distanz" kleiner wird: Familie, Freunde/Arbeitskollegen/Nachbarn, Wohnort, Schweiz, Europa, Welt... Trotzdem bleibt es eine grosse Herausforderung, angesichts aller Not und Bedürfnisse engagiert zu bleiben und sich nicht einfach auf das eigene Wohlergehen zu beschränken.
Und als Ermutigung noch dies: Vielleicht prägen die kleinen Initiativen die Welt am Schluss mehr als die grosse Politik? Mächtige Königshäuser und Firmen sind eingegangen; einzelne Personen, die sich für eine Sache voll hingegeben haben, sind noch heute für viele ein grosses Vorbild. Und wie viele Menschen haben ihr Umfeld positiv geprägt, von denen zwar niemand mehr spricht, die aber trotzdem ein sehr wertvolles Erbe hinterlassen haben?
«Ignatius versteht unter Armut nicht Askese, materielle Bescheidenheit oder selbst auferlegten Verzicht auf Besitz. Arm sein heisst vielmehr, mir bewusst zu sein, dass mir nichts gehört, sondern alles anvertraut ist. Arm sein heisst, durchlässig zu sein für den Herrn, freigebig und grosszügig mit anderen zu teilen, was ich habe. Es heisst, anderen zu gönnen, was sie bekommen haben, und selbst an nichts festzuhalten als an Jesus selbst. Arm sein heisst, es ganz anzunehmen und darin zu ruhen, dass ich das Wesentliche im Leben mir nicht nehmen, sondern nur vom Himmel empfangen kann. Arm sein bedeutet zu wissen, dass es nichts gibt, was mir nicht von Gott geschenkt ist. So gesehen bekommt Armut plötzlich einen neuen Klang, verströmt einen frischen Duft. [] Und langsam dämmert es mir: Wer den Weg der Liebe gehen will, wird das nur über die Armut tun können, denn nur Arme sind frei zu lieben und Liebe zu empfangen! Reiche sind auf die Sicherung ihres Besitzes, ihrer Machtposition und auf sich selbst bezogen. Weil sie reich sind, brauchen sie nichts und niemanden, halten andere auf Distanz und bleiben letztendlich allein. Reiche machen Eindruck. Aber wird man bei ihnen Liebe finden?»
Peter Höhn in "Leben aus Liebe"